Biodiversität war jahrelang das Thema, das in Nachhaltigkeitsberichten auf zwei Absätzen behandelt wurde. Die CSRD verändert das grundlegend. Mit ESRS E4 ist Biodiversität kein optionaler Bestandteil mehr, sondern ein strukturiertes Berichtsmodul mit konkreten Datenpunkten, messbaren KPIs und externer Prüfpflicht.
Für viele Unternehmen ist das eine neue Herausforderung: Anders als CO2-Emissionen, die sich in Tonnen messen lassen, ist Biodiversität ein komplexes System aus Ökosystemleistungen, Abhängigkeiten und Auswirkungen, das schwer in Kennzahlen zu fassen ist.
Dieser Artikel zeigt, was ESRS E4 konkret verlangt, wie Unternehmen methodisch vorgehen und wie Dcycle den Prozess strukturiert.
Warum Biodiversität kein abstraktes Thema ist
Unternehmen hängen von der Natur ab, auch wenn sie es nicht sehen. Pharmaunternehmen brauchen genetische Vielfalt für die Wirkstoffforschung. Lebensmittelhersteller sind auf Bestäuber angewiesen. Die Bauwirtschaft nutzt Sand, Holz und Gesteine, die aus funktionierenden Ökosystemen kommen. Finanzdienstleister haben Kreditrisiken in Portfolios, die von natürlichen Ressourcen abhängig sind.
Der Verlust der Biodiversität ist damit ein systemisches Wirtschaftsrisiko: Wenn Ökosystemleistungen wegfallen, steigen Beschaffungskosten, fallen Erträge und entstehen regulatorische Verbindlichkeiten. Das World Economic Forum schätzt, dass über 50 % des globalen BIP moderat oder stark von der Natur abhängig ist.
TNFD als Standard für Finanzinstitute: Das Taskforce on Nature-related Financial Disclosures (TNFD) Framework liefert eine komplementäre Methodik zur CSRD. Während ESRS E4 die Berichtspflichten für operative Unternehmen strukturiert, richtet sich TNFD stärker an Finanzinstitute und Investoren. Wer ESRS E4 sauber umsetzt, hat die meisten Bausteine für TNFD-konforme Berichte bereits erarbeitet.
Was ESRS E4 von Unternehmen verlangt
ESRS E4 ist in sechs Disclosure Requirements (DR) strukturiert, von der Strategie bis zu konkreten Metriken. Berichtspflichtig sind Unternehmen nicht automatisch für alle Datenpunkte: Die Doppelte Wesentlichkeitsanalyse bestimmt, welche Aspekte der Biodiversität für das Unternehmen material sind.
E4-1: Übergangsplan für Biodiversität und Ökosysteme Unternehmen müssen offenlegen, ob und wie sie einen Plan zur Verringerung negativer Auswirkungen auf die Biodiversität entwickelt haben. Das umfasst Zeitpläne, Verantwortlichkeiten und die Verbindung zur Unternehmensstrategie.
E4-2: Policies in Bezug auf Biodiversität und Ökosysteme Welche internen Richtlinien steuern das Biodiversitätsmanagement? Gibt es Beschaffungsrichtlinien für naturkritische Rohstoffe? Wie werden Biodiversitätsrisiken in Investitionsentscheidungen einbezogen?
E4-3: Aktionen und Ressourcen für Biodiversität Konkrete Maßnahmen, die das Unternehmen umsetzt: Renaturierungsprojekte, Lieferantenzertifizierungen, Standortoptimierungen. Inklusive der dafür bereitgestellten finanziellen Mittel.
E4-4: Ziele in Bezug auf Biodiversität und Ökosysteme Messbare Ziele, die das Unternehmen sich für die Biodiversität gesetzt hat, und der Fortschritt gegenüber diesen Zielen. Die Verbindung zu Rahmenwerken wie Science Based Targets for Nature (SBTN) oder der Kunming-Montreal-Vereinbarung ist hier relevant.
E4-5: Auswirkungsmetriken für Biodiversität und Ökosysteme Quantitative Kennzahlen zu direkten und indirekten Auswirkungen: Landnutzung und Landnutzungsänderung, Wasserentnahme in wasserempfindlichen Gebieten, Schadstoffemissionen, invasive Arten in Lieferketten.
E4-6: Finanzielle Auswirkungen Welche finanziellen Risiken und Chancen entstehen durch Biodiversitätsverlust und Naturabhängigkeiten? Das schließt physische Risiken (Ernteausfälle, Ressourcenknappheit) und Transitionsrisiken (regulatorische Auflagen, Technologiekosten) ein.
Wesentlichkeit entscheidet über Berichtspflicht: Unternehmen müssen nicht für alle sechs DR berichten, wenn die Wesentlichkeitsanalyse ergibt, dass bestimmte Aspekte nicht material sind. Wichtig: Die Entscheidung, einen DR als nicht wesentlich einzustufen, muss selbst dokumentiert und begründet werden. Eine pauschale Erklärung "nicht relevant" reicht unter CSRD nicht aus.
Die Doppelte Wesentlichkeit für Biodiversität: wie sie funktioniert
Die Doppelte Wesentlichkeitsanalyse für ESRS E4 hat zwei Dimensionen:
Impact Materiality: Welche wesentlichen Auswirkungen hat das Unternehmen auf Biodiversität und Ökosysteme? Das umfasst direkte Auswirkungen am Unternehmensstandort (Versiegelung, Wasserentnahme, Schadstoffeinträge) und indirekte Auswirkungen durch die Wertschöpfungskette (Entwaldung durch Lieferanten, Landnutzungsänderungen in Beschaffungsländern).
Financial Materiality: Welche finanziellen Risiken und Chancen entstehen für das Unternehmen durch den Verlust von Biodiversität und Ökosystemleistungen? Rohstoffknappheit, Regulierungskosten, veränderte Konsumentenpräferenzen und Reputationsrisiken gehören dazu.
Methodisch empfiehlt die EFRAG-Guidance die LEAP-Methodik (Locate, Evaluate, Assess, Prepare) für die Biodiversitätsbewertung: Standorte mit hoher Biodiversitätsrelevanz identifizieren, Abhängigkeiten und Auswirkungen bewerten, finanzielle Wesentlichkeit ableiten und Berichtsstruktur vorbereiten.
Dcycle führt Unternehmen durch die Doppelte Wesentlichkeitsanalyse für alle ESRS-Themen, inklusive E4 Biodiversität. Die Plattform dokumentiert Ihre Bewertungen prüfungssicher und zeigt, welche Disclosure Requirements für Sie berichtspflichtig sind.
Demo anfordern →Welche Daten Unternehmen für ESRS E4 brauchen
Der größte praktische Engpass bei der Umsetzung von ESRS E4 ist die Datenbeschaffung. Viele der relevanten Informationen liegen nicht in zentralen Systemen vor.
Standortdaten: Lage der Betriebsstandorte in Bezug auf Schutzgebiete (Natura-2000-Gebiete, IBA-Vogelschutzgebiete, Ramsar-Feuchtgebiete), Key Biodiversity Areas und wasserempfindliche Zonen. GIS-Daten und öffentliche Datenbankabfragen sind hier der Ausgangspunkt.
Landnutzungsdaten: Wie viel Fläche nimmt das Unternehmen in Anspruch, in welchem Zustand befindet sie sich und wie hat sie sich verändert? Für Unternehmen in der Landwirtschaft, Forstwirtschaft oder Baubranche ist das ein zentraler Datenpunkt.
Lieferketteninformationen: Welche Rohstoffe kommen aus naturkritischen Regionen? Für Sektoren wie Lebensmittel, Textilien, Bergbau oder Holzprodukte ist die Beschaffungsherkunft entscheidend.
Wasserentnahme und -einleitung: Menge und Ort der Wasserentnahme, insbesondere in wasserstressgefährdeten Gebieten. Verbindung zu bestehenden Scope-3-Wasserdaten oder ESRS E3.
Zertifizierungen und Rahmenwerke: Bestehende Nachhaltigkeitszertifizierungen (FSC, RSPO, Rainforest Alliance) liefern bereits viele der benötigten Biodiversitätsinformationen und können direkt in die ESRS-E4-Berichterstattung einbezogen werden.
Vom Fußabdruck zur positiven Wirkung: der Handabdruck
Ein wichtiger Perspektivwechsel in ESRS E4 gegenüber früheren Nachhaltigkeitsberichten: Es geht nicht nur um die Reduzierung negativer Auswirkungen, sondern auch um positive Beiträge zur Biodiversität.
Unternehmen, die aktiv in Naturwiederherstellung investieren, regenerative Beschaffungspraktiken einführen oder naturpositive Standortentwicklung betreiben, können diese Maßnahmen strukturiert berichten und als strategischen Wettbewerbsvorteil kommunizieren. Das Konzept des “Handabdrucks”, also der messbaren positiven Wirkung, gewinnt in Investoren- und Kundengesprächen zunehmend an Bedeutung.
Die EU-Biodiversitätsstrategie 2030 setzt dabei konkrete Ziele: 30 % der Land- und Meeresflächen unter Schutz, Renaturierung degradierter Ökosysteme, Reduzierung von Pestizideinsatz und Lichtverschmutzung. Unternehmen, die diese Ziele mit eigenen Maßnahmen verknüpfen, positionieren sich als glaubwürdige Akteure im nature-positive Transition.
Erfahren Sie, wie Dcycle Ihnen hilft, ESRS E4 strukturiert umzusetzen: von der Wesentlichkeitsbewertung über die Datenbeschaffung bis zum CSRD-konformen Bericht.
Kostenlose Demo buchen →Häufig gestellte Fragen zu Biodiversität und ESRS E4
Gilt ESRS E4 für alle CSRD-pflichtigen Unternehmen?
ESRS E4 ist ein thematisches Standard, der grundsätzlich für alle CSRD-pflichtigen Unternehmen relevant ist. Ob ein Unternehmen über die einzelnen Disclosure Requirements berichten muss, hängt vom Ergebnis der Doppelten Wesentlichkeitsanalyse ab. Unternehmen, die keine wesentlichen Auswirkungen auf oder Abhängigkeiten von Biodiversität haben, können bestimmte DRs als nicht wesentlich einstufen. Diese Einschätzung muss jedoch begründet und dokumentiert werden. In der Praxis gilt: Unternehmen mit Standorten in oder nahe Schutzgebieten, naturintensiven Lieferketten oder hohem Wasserverbrauch haben fast immer wesentliche Biodiversitätsthemen.
Was ist der Unterschied zwischen ESRS E4 und TNFD?
ESRS E4 ist der verbindliche EU-Standard für CSRD-pflichtige Unternehmen mit Fokus auf Berichterstattung und Offenlegung. TNFD (Taskforce on Nature-related Financial Disclosures) ist ein freiwilliges Framework, das primär auf Investoren und Finanzinstitute ausgerichtet ist und eine risikobasierte Perspektive auf naturabhängige Finanzrisiken bietet. Beide Frameworks nutzen ähnliche Konzepte, besonders die LEAP-Methodik. Ein ESRS-E4-konformer Bericht liefert einen erheblichen Teil der für TNFD benötigten Informationen.
Welche quantitativen KPIs werden unter ESRS E4 verlangt?
ESRS E4-5 verlangt Metriken zu direkten Auswirkungen, die für das Unternehmen als wesentlich eingestuft wurden. Typische Kennzahlen sind: versiegelte Fläche (in Hektar) und Flächenzustand nach natürlichem Zustand, Wasserentnahme in wasserstressgefährdeten Gebieten (Kubikmeter), Landnutzungsänderungen gegenüber Basisjahr, Anteil der Beschaffung aus Hochrisikoregionen für Entwaldung oder Artenrückgang. Unternehmen mit naturpositiven Maßnahmen können zusätzlich Wiederherstellungsflächen und ökosystemare Erholungsraten berichten.
Wie beginne ich mit der Biodiversitätsbewertung, wenn ich keine Erfahrung damit habe?
Der praktischste Einstieg ist die Standortanalyse: Prüfen Sie, ob Ihre Betriebsstandorte in oder nahe Schutzgebieten oder Key Biodiversity Areas liegen. Dafür gibt es öffentliche GIS-Tools wie den IBAT-Biodiversitätsatlas oder den EU-Natura-2000-Viewer. Im zweiten Schritt identifizieren Sie Ihre naturkritischen Lieferketten: Welche Rohstoffe kommen aus naturkritischen Regionen? Dcycle führt durch diesen Prozess strukturiert und zeigt, welche Datenpunkte für Ihr spezifisches Geschäftsmodell und Ihre Branche relevant sind.
Wie hängen ESRS E3 (Wasser) und ESRS E4 (Biodiversität) zusammen?
Wasser und Biodiversität sind eng miteinander verbunden: Wasserentnahme in wasserstressgefährdeten Regionen ist oft auch ein Biodiversitätsrisiko. ESRS verlangt eine kohärente Berichterstattung über alle E-Standards hinweg. In der Praxis bedeutet das: Wasserentnahmedaten, die für ESRS E3 erhoben werden, fließen direkt in die ESRS-E4-Metriken ein. Dcycle bildet beide Standards in einer Plattform ab und verhindert doppelte Datenerhebung.
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